Als ich im Sterben lag

William Faulkner

Eine Produktion des fringe-ensemble und phoenix 5 mit dem theaterimballsaal, Bonn und dem Pumpenhaus, Münster.

 

Mit: Severin von Hoensbroech, Georg Lennarz, Bettina Marugg, Andreas Meidinger, Harald Redmer, Ulrike Rehbein, Barbara Wachendorff
Regie und Raum: Frank Heuel
Musik: Ulrich Bogislav und Andreas Meidinger
Kostüme: Helgard Classen-Seifert
Bühnenbau: Eduardo Seru

Sieben Schauspielerinnen und Schauspieler begeben sich auf die abenteuerliche letzte Reise der Addie Bundren, die in ihrer Heimatstadt begraben werden soll. William Faulkner schrieb seinen Roman, den er selbst oft als seinen besten bezeichnete, 1928 innerhalb von 6 Wochen. In 59 Monologen entwirft er das Bild einer amerikanischen Südstaatenfamilie: Jede Figur gibt ihren "Zeugenbericht" jetziger und vergangener Ereignisse ab. Schicht für Schicht enthüllt sich eine Geschichte von Vereinzelung und verhängnisvoller Verstrickung, von Gewalt, Tod, Schuld und Glauben. Es entsteht ein Kaleidoskop wechselnder Perspektiven, die sich in unterschiedlichen Sprachformen widerspiegeln. Die Sprechenden offenbaren sich selbst, ihre Art zu sprechen spiegelt ihr Leben und ihre Befindlichkeit - zwischen Derbheit, Poesie, Wahnsinn, Hoffnungslosigkeit und animalischem Überlebenswillen.

Die Inszenierung des fringe ensemble verdichtet Faulkners Erzählprinzip. Sie fokussiert die Komplexität der Themen, die sein Roman behandelt. Sie macht die Veröffentlichung öffentlich. Sie beschreibt den schmerzhaften Prozeß der schonungslosen Entlarvung innerster Wahrheiten. Sie folgt der Tragik und Groteske dieses Abschieds, der im Laufe der 10tägigen Reise nach Jefferson zu einem makaber-absurden Ritual anschwillt. Sie artikuliert das vielleicht elementarste einer Trauerarbeit: die Erfahrung der Zerbrechlichkeit unserer Existenz.

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...Frank Heuel setzt in seiner Inszenierung auf diese Figuren und das komplexe Widerspiel von äußeren Ereignissen und dem Blick nach innen. Das Private ihrer Aussagen macht er mit einem geradezu genialen Trick öffentlich: An einem langen Tisch sitzen sie frontal den Zuschauern gegenüber - wie bei einer Konferenz ausgewiesen durch Namensschilder, die diese amerikanische Südstaatenfamilie der Bundrens von Addie bis Vardaman durchbuchstabieren. "Poor Whites" sind es, verarmtes Landproletariat, einfache Leute, die sich ohne große Gefühle mit dem Alltag herumschlagen. Die Inszenierung zeichnet sie genau und ohne jede folkloristische Anmaßung, denunziert auch nicht ihre scheinbare Simplizität. Sie entwirft ein fast archaisches Panorama mit Andeutungen von Bildern, Einwürfen von chorisch kommentierenden Nebenfiguren, kurzen Handlungssequenzen. Im Zentrum thront Mutter Addie Bundren, die sich aufs Sterben eingerichtet hat und nach dreißig harten Ehejahren im vierzig Kilometer entfernten Landstädtchen Jefferson begraben werden will. Die Mitte des Stückes gehört ihr (Barbara Wachendorf spielt diese leise Lebensbeichte wunderbar konzentriert), die als frustrierte Lehrerin den Farmer Anse Bundren heiratete, fünf Kinder gebar und "Liebe" nur als Wort kannte. Nicht ihr Tod, um den niemand so recht trauert, ist das Ereignis, sondern die von ihr als späte Rache am Leben geplante Reise im Sarg zum Grab. Es regnet in Strömen, eine Brücke stürzt ein, das ganze Gespann mit den Mauleseln ersäuft beinahe in den Fluten, ein Sohn bricht sich ein Bein, einer muss sein Pferd hergeben, einer zündet eine Scheune an, einer rettet den Sarg aus den Flammen; die auf eine Abtreibung hoffende schwangere Tochter wird stattdessen vom Apotheker vergewaltigt. Anse (Harald Redmer) ist Vater von vieren dieser Kinder, ein machtloser Patriarch. Cash, der älteste Sohn (Severin von Hoensbroech), ist der zuverlässige, tüchtige Handwerker, der Addies Sarg zimmert. Sohn Darl gehört nicht ganz dazu, durchschaut mehr als man möchte, und landet als Brandstifter im Irrenhaus. Bettina Marugg spielt diese Figur aus einem seltsamen Zwischenreich mit sanft maskuliner Verstörtheit. Tochter Dewey Dell (Ulrike Rehbein) schwankt zwischen weiblicher Hingabe und mütterlicher Strenge. Fast noch ein Kind ist Vardaman, der Jüngste (Andreas Meidinger), der sich von seinen Träumen nicht verabschieden mag. Nicht nur in der Mitte des Alphabets steht Jewel, der Schönste und Liebste, Frucht eines kurzen Seitensprungs von Addie. Georg Lennarz spielt die romantische Sehnsucht nach dem Kreatürlichen mit großer Intensität. Für all die Mythen und elementaren Symbole Faulkners erfindet Heuels kluge Inszenierung eine ganz eigene Theatersprache, die bei aller amerikanischen Südstaaten-Tristesse auch mit Komik und witzigen Anspielungen nicht geizt. Das macht sie sinnlich spannend. Begeisterter Beifall bei der ausverkauften Premiere im Bonner Ballsaal. ...

Bonner Generalanzeiger, 14.09.2001

Über siebzig Jahre dauerte es, bis jemand wie Regisseur Frank Heuel es wagte, William Faulkners Roman "Als ich im Sterben lag" (As I Lay Dying) aus dem Jahr 1929 auf eine deutsche Bühne zu bringen. Gemeinsam mit der Produktionsgemeinschaft fringe ensemble und Phoenix 5 war es jetzt auch im Pumpenhaus soweit: Der preisgekrönte Nachwuchsregisseur seziert die 59 Monologe, die der Literaturnobelpreisträger und unerbittliche Beobachter seiner amerikanischen Südstaatenheimat seinen erschreckend primitiven Protagonisten auf den Leib schrieb, zu einem sardonischem Humor sich selbst darstellendem Pandämonium. Die makaber - absurde Sargreise ins weit entfernte Jefferson, jene späte Rache der Verstorbenen, aber stets Allgegenwärtigen (Barbara Wachendorff) am Leben, bei der niemand wahrhaft trauert, sondern erduldet - Heuel inszeniert sie als Kaleidoskop innerer wie äußerer Katastrophen: der Leichenzug als Zug des Lebens in seiner anarchischen Vielgestalt. Von Pantomime über grotesk übersteigerte Gesten bis hin zum gellenden Klamauk, von leiser Komik bis zynischer Symbolik reicht die Palette der Mittel, mit denen selbst die ödeste Südstaaten-Tristesse über zwei Stunden spannend gehalten wird. Dennoch driftet dank der Glaubwürdigkeit der Sprechenden nichts zur bloßen Farce ab. Wasser- und Feuerproben nahezu biblischen Ausmaßes müssen auf der wie ein riesiger Sarg sich aufbäumenden Sperrholz-Bühne überstanden werden. Aber was ist das schon gegen das innere "Lied vom Tod", das dem verstockten Gatten Anse (Harald Redmer) und seinen mehr oder weniger verstörten Kindern gespielt wird. Sintflutartige Regenschauer ergießen sich über ihren Häuptern; auf der Suche nach den ertrunkenen Habseligkeiten findet sich rein zufällig auch Mutters Sarg in einem von Vardamans (Andreas Meidinger) Aquarien wieder; Jewel (Georg Lennarz), der Pferdenarr, mutiert zum lächerlichen Cowboy-Zentaurus, der das jämmerlich krepierte Gespann ersetzt. Der Grabgang als absurdes Ritual, der dennoch schonungslos das vielleicht Elementarste einer "Trauerarbeit" artikuliert: die Erfahrung der Zerbrechlichkeit unserer Existenz.

Westfälische Nachrichten, 13.11.2001

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