DEUTSCHE REVOLUTIONEN

eine Veranstaltungsreihe von Theater Bonn und fringe ensemble

Künstlerische Leitung: Frank Heuel/Stephanie Gräve

fringe ensemble und Theater Bonn setzen mit der Veranstaltungsreihe DEUTSCHE REVOLUTIONEN ihre Kooperation fort. In sechs Veranstaltungen stehen die Hoffnungen und Ziele der Revolutionäre, ihr Scheitern und die Frage, warum in Deutschland die Revolution nie so recht am Platz zu sein schien im Fokus.

 

MICHAEL KOHLHAAS

Rasendes Aufbäumen gegen Willkür

Auftakt der Schauspiel-Reihe „Deutsche Revolutionen“ in der Werkstatt
Zu den Themen, mit denen wir genervt wurden wie Schweinegrippe, Finanzkrise oder die Trauer um den toten Torwart gehörte auch das Revolutions- und Gedenkjahr mit der schicksalhaften „9“ am Ende. Allerdings nur bis zu diesem Wochenende, als Schauspiel und fringe ensemble in der Werkstatt noch schnell den Zyklus „Deutsche Revolutionen“ in Gang setzten. Besser als mit Kleists „Michael Kohlhaas“ konnte man den nicht beginnen.
Eine Ein-Mann-Revolution von rasendem Aufbäumen gegen obrigkeitliche Willkür, nacherzählt aus den Protokollen der Geschichte. Frank Heuel hat den Text auf Anne Brüssels fabelhafter Bühne inszeniert. Bettina Marugg sitzt in einem Badetrog mit Rädern – mal mit Allongeperücke aus weißen Papierstreifen, mal heißt das: blond. Aber immer ist es geschreddert aus den unaufhörlichen Gesuchen und Abweisungen zum Fall Kohlhaas. Die Maschine läuft unaufhörlich. Das ganze ist auch ein Papierkrieg. Irgendwann fährt Kohlhaas´ Frau damit zum Landesherren, um für ihren Mann zu bitten. Sie wird misshandelt und stirbt.
Georg Lennartz´ Kohlhaas im Gefängnis schaut im Gefängnis durch das Gitter eines Lattenrostes. Für den Doktor Martinus Luther (unerbittlich: Rolf Mautz), bei dem die kleinen Leute selten Rückhalt fanden und auch Kohlhaas nicht, wird eine Kirchenbank herbei gerollt. Der Text, witzig bebildert, ist aber mitnichten witzig. Tatsächlich ist Kleists fürchterliche Erzählung erst mal von großer Suggestion. Es gibt nicht viel, was auch heute noch so packt und leidenschaftlich empört.
Dabei berichtet er eigentlich nur nüchtern die Tatsachen, reportmäßig, ohne das zu werten, was für sich selbst spricht. Aber das eben ist ungeheuerlich und beginnt mit Junker-Willkür. Man muss nicht langatmig werden: Die Novelle ist Schulstoff und große Literatur. Die zwei Pferde, um die man Kohlhaas bringt und die der wohlhabend Pferdehändler und gnadenlos eifernde Rechthaber um jeden Preis zurückfordert, bringen ihn am Ende um alles. Sogar zum bewaffneten Aufstand greift er. Heuel hat den Stoff in seiner inneren Logik zwingend entwickelt
Bonner Rundschau, 24. November 2009

 

 

“WENN SHERIFF PAT GARRETT AUS DEM FENSTER SIEHT, ERBLICKT ER EINE BLÜHENDE ZUKUNFT. BILLY THE KID WIRD AM ENDE ERSCHOSSEN.”

Der mystische Grund der Zivilisation: Stammheim Spezial von David Lindemann

Mit: Ensemblemitgliedern von Theater Bonn und fringe ensemble
Leitung: Frank Heuel

Sa, 16. Januar 2010, um 20.00 Uhr in der Werkstatt der Oper Bonn
Was zur Hölle macht Pat Garrett in Stammheim? Und wen liebt er wirklich: Betty-Sue, Chantal, Luna oder Joy? Oder sind das in Wahrheit nur Decknamen? Wer könnte sich dahinter verbergen: Gudrun? Ulrike? Und ist das Establishment an allem schuld? Und was ist aus unserer Revolution geworden? Sind unsere Revolutionäre nur Ghostrider in the Sky? Und last but not least: wer hat Billy the Kid getötet?
Ein Parforceritt der RAF durch den Wilden Westen.

„Stammheim spezial“ in der Werkstatt
Westernstimmung auf der Werkstattbühne: Ein lebensgroßer Gaul und Strohballen mit echtem Stallgeruch. Und Pat, Sheriff von Lincoln County, schwingt sich (mit Hilfe einer Stehleiter) aufs Pferd und jagt seinen Jugendfreund, den gesetzlosen Mörder und Rinderräuber Billy.
Die große Ballade von tödlicher Männerfreundschaft und der RAF-Zickenkrieg im Hochsicherheitstrakt: David Lindemann schließt mit anarchischem Witz die Mythen des zivilen Ungehorsams kurz in seinem 2006 in Stuttgart uraufgeführten “Stammheim Spezial” mit dem schönen Titel “Wenn Sheriff Pat Garrett aus dem Fenster sieht, erblickt er eine blühende Zukunft. Billy the Kid wird am Ende erschossen.”
In der Reihe “Deutsche Revolutionen” hat Frank Heuel den verrückten Parforce-Ritt vom Wilden Westen zum Baader-Meinhof-Komplex inszeniert. Als einmalige szenische Lesung, jedoch als spielerisches Vergnügen mit skurrilen Querschüssen und bitterstem Humor.....
Generalanzeiger, 19.01.2010