Ein neunundzwanzigster Februar

Eine Produktion der Schaubühne Lindenfels

Konzeption: René Reinhardt, Frank Heuel, Elisabeth Schiller-Witzmann
Regie: Frank Heuel
Mit: Laila Nielsen, Sophie Lutz, Johannes Gabriel, David Jeker
Raum: Elisabeth Schiller-Witzmann
Produktionsassistenz: Ilona Schaal

Premiere am Mittwoch, 29. Februar 2012 in der Schaubühne Leipzig

„Mit anderen Worten, wir alle haben unsere Gründe, warum wir uns vor der Wirklichkeit verstecken, und das ganze ist ein gewaltiges Problem. Aber ganz ehrlich, wenn ich ein Stück schreibe, dann glaube ich schon, dass ich unter anderem genau dieses versuche, nämlich mich einigen kleinen Fitzelchen von Wirklichkeit zu stellen und das gleiche versuche ich, dem Publikum zuzumuten.“
(Auszug aus „Mein Essen mit André“ von Wallace Shawn und André Gregory)

 

EIN NEUNUNDZWANZIGSTER FEBRUAR ist eine leise Annäherung an das, was das Theater im Ursprung war und heute sein kann: Ein Ort der Verführung, des Zaubers, der Möglichkeiten.

Ein Mensch sitzt in einer Box, allein, und wartet auf Sie. Er hat ein Anliegen, ein Thema, über das er mit Ihnen sprechen muss. Wie wird er Ihnen begegnen, wenn Sie für zehn Minuten zu ihm eintreten? Glauben Sie ihm seine Geschichte? Was könnten gerade Sie einander zu sagen haben? Vier Boxen vier verschieden Erzählungen, vier verschieden Möglichkeiten des Dialogs. In einem geschützten Rahmen haben Sie Gelegenheit, nicht nur zuzuhören, sondern Ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

Folgen Sie dem Weg des Abends weiter, durch Gänge und Kellerräume, bereiten Sie sich auf den Augenblick vor, in dem Sie vor der Bühne sitzen, das Licht geht an, die Schauspieler treten auf...

 

www.schaubuehne.com

 

Ein Gespräch mit dem Kritiker Wolfgang Schilling / MDR Figaro

 

Presse

Ein Neunundzwanzigster Februar – Mit einer begehbaren Installation startet die Leipziger Schaubühne Lindenfels in eine neue Ära

Ein Abend absoluter Anwesenheit

29. Februar 2012. "Ein Neunundzwanzigster Februar": Der Titel der Inszenierung ist reichlich assoziationsfrei. Auch wenn die Fetzen einer gesummten Hank-Williams-Melodie nach einer Stunde verklungen sind, fragen sich die vier Zuschauer, welchem faszinierend stillen Spektakel sie eigentlich beigewohnt haben. Dezentral auf verschiedene Boxen verteilt, besitzen die vereinzelten Besucher aktiven Teilnehmerstatus, müssen partizipieren, ehe sie zum Finale zusammenkommen. Dass das nicht öde, gewollt oder blamabel wird, ist die große Überraschung des Abends, der als programmatischer Auftakt eine neue Zeit an der Schaubühne Lindenfels in Leipzig einleiten soll. In einer Box: "Ein Neunundzwanzigster Februar". © Christian HüllerDie Schaubühne Lindenfels ist ein 1876 eröffneter Vergnügungsbetrieb, der nach etlichen Zwischennutzungen seit 1993 zu einem Hort der Kultur ausgebaut wurde. Theater war von Anfang an dabei, konnte sich hier aber von Gastspielen abgesehen nicht dauerhaft etablieren. Das soll sich ändern: Seit Januar ist Frank Heuel, Regisseur des Bonner Fringe Ensembles, als Mitglied der künstlerischen Leitung dafür verantwortlich, das Thema Theater in der Schaubühne ins Zentrum zu rücken. Das einstige Jugendstilballhaus, das überwiegend mit Konzerten und Filmen bespielt wird, will selbst zum Produktionsort werden. Ein freies, lose am Haus verankertes Ensemble soll zwei bis drei Eigenproduktionen jährlich stemmen. Besondere Raumsituationen und die Einbeziehung des Publikums sind dabei laut Ankündigung konzeptionell anleitende Elemente.

Bei Wein, Käse und Brot
Konsequenterweise gestaltet sich die Ouvertüre "Ein Neunundzwanzigster Februar" unter Heuels Regie als begehbare Installation. Mit Schildern als fiktive Personen Peter, Paul, Andreas und Claudia gekennzeichnet, betreten die Zuschauer – nur vier pro Durchlauf sind zugelassen – nacheinander jeweils allein den stillen Saal. Nur fünf aufgereihte Boxen mit geschlossenen Türen sind zu sehen. Nach einigem Warten in der Leere geht an einer Box ein grünes Licht an, der Gast darf eintreten. Auf ihn wartet eine auf einem Bett sitzende junge Frau. Edward Hoppers Gemälde "Hotel Room" hängt an der Wand und in genau solch blass-pastellener Schwere ist das Interieur der Box gehalten. Das sei ein Raum der Stille, erklärt die Frau. Sie berichtet von sich, stellt dann dem Besucher Fragen. Dieser wird an Nullpunkt des Theaters versetzt: das Geschichtenerzählen.
Vier Figuren suchen eine neue Geschichte: "Ein Neunundzwanzigster Februar" © Christian HüllerDaraus entspinnt sich ein Dialog über die Stille, der jäh unterbrochen und in einer anderen Box mit einem anderen Schauspieler und einer anderen Geschichte fortgesetzt wird. Über William Faulkners Roman "Als ich im Sterben lag" nimmt der Performer an einer Beinschiene fummelnd den Wortwechsel wieder auf, der nun von Schicksalsschlägen handelt. Auch dieser endet abrupt. Das Zuschauerquartett wird in die Kellerräume geleitet und tauscht sich bei Wasser und Wein, Käse und Brot über die erlebten Fragmente aus. So setzt erneut das Geschichtenerzählen ein, dieses Mal zwischen Peter, Paul, Andreas und Claudia. Wir alle spielen Theater? In den anderen, unbesuchten Boxen wartet, so erfährt man nun, der Film "Pierrot le fou" (Jean-Luc Godard) darauf, mit eigenen Erfahrungen angereichert zu werden; eingerahmt von intimem Licht würde eine Dame beim Tee gern über psychische Abgründe plaudern.

Ereignisloses Ereignis
Noch ehe sich das Zuschauerkollektiv in seiner neuen Rolle des Alleinunterhalter-Quartetts eingerichtet hat, wird es zu einer kleinen Bühne geführt, auf der alle Schauspieler als Chor auftreten. Dieser bleibt in seiner losen Formierung ebenso dezentral wie die szenischen Häppchen zuvor. Die Darsteller, mit denen man zuvor noch Zeit in intimer Situation verbrachte, sind nun in den Theaterrollen zu sehen, auf die sie sich in den Boxen offenbar vorbereitet haben. Mascha (Tschechow: "Drei Schwestern") und Medea, Godards Ferdinand und Cash aus Faulkners Roman sinnieren über Liebesunglück, beklagen Unwuchten im Leben und fordern das Schwert. Kurz stimmt der zerfaserte Chor Hank Williams an, dann endet dieser Abend absoluter Anwesenheit. In einer knappen Stunde erlebt der Zuschauer eine aufs Höchstmaß verdichtete Theatersituation fern vom Mitmachtheater und seinem Gruppendruck. Die Fallhöhe eines solchen Ansatzes ist hoch, doch er gelingt. So auf den Punkt gebracht, fällt die intime Beziehung zu den Darstellern aus, nichts Peinliches oder Zwanghaftes haftet ihr an. Natürlich ist diese zwischenmenschliche Ebene eine vorgespielte. Allerdings sind Setting und Timing so gut abgestimmt, agieren die Darsteller derart behutsam, dass man sich als Zuschauer dieser Situation ob der niedrigschwelligen Manipulation öffnet. So entsteht ein stoffarmes Gebilde, das in seiner berührenden Unmittelbarkeit trotz des Widerspruchs treffend als ereignisloses Ereignis bezeichnet werden muss.

Tobias Prüwer, www.nachtkritik.de

Gutes Omen für die Zukunft: „Ein neunundzwanzigster Februar“, erste hauseigene Theaterproduktion der Schaubühne nach jahrelanger Pause

Willkommen im Vakuum

Fünf Türen zu fünf Räumen. Vier Schauspieler für vier Zuschauer. Am Mittwoch hatte in der Schaubühne Lindenfels passend zum Datum „Ein neunundzwanzigster Februar“ Premiere. Ein Theatererlebnis der besonderen Art. Originell, poetisch und intim in aller Unaufdringlichkeit. Seit Anfang 2012 ist die künstlerische Leitung der Schaubühne Lindenfels eine Troika, wird René Reinhardt von Ulrike Melzwig und Frank Heuel flankiert. Mit Blick auf das Haus als Theaterstandort heißt das unter anderem, dass neben Kooperationen und Gastspielen auch wieder hauseigene Produktionen zu sehen sein werden. „Ein neunundzwanzigster Februar“ macht den Anfang. Und offenbart sich als gutes Omen und als Versprechen, das verpflichtet. Wie intim kann man eine Theaterinszenierung gestalten, ohne dass sie einem auf die Pelle rückt, anbiedernd, selbstgefällig ist? Man muss sich das vorstellen: Lediglich vier Zuschauer dürfen hier jeweils zuschauen. Bekommen zuvor ein Namensschildchen samt zweier Nummern. Werden dann in den Ballsaal geführt, den ein roter Teppich quert, der vor einer Holzwand endet (Raum: Elisabeth Schiller-Witzmann). In der Holzwand fünf durchnummerierte Türen, über jeder ein Licht. Blinkt dieses, tritt der Zuschauer mit der entsprechenden Nummer auf seinem Schildchen in die kleine Box ein, die sich hinter der Tür auftut. Hinein in eine Raumzeit-Oase, ein Kunstwirklichkeits-Vakuum.
Das liegt im Dämmer- oder kalten Neonlicht. Zeigt sich mal in Edward-Hopper-Verlorenheitsstimmung oder tapeziert mit Godard-Zitaten samt dessen Film „Pierrot le Fou“ auf dem Laptop. Als schäbige Südstaatensklave à la William Faulkner oder einfach gemütlich wohnzimmerhaft. Und lässt einen auf Menschen treffen. Auf die Schauspieler Laila Nielsen, Sophie Lutz, Johannes Gabriel, David Jeker. Jeweils allein mit denen sitzt man dann in diesem Raum. Ein Gespräch entwickelt sich, die Schauspieler sind noch sie selbst, aber zugleich schon in ihren Rollen; und wie das wiederum ganz nebenher eine feine Reflektion des eigenen Verhaltens zeigt, ist bestechend. Wie man eben noch man selbst ist, aber natürlich maskiert, in einer Rolle. So wie oft im Leben, so auch hier in diesem Stück, dessen Teil man wird für je zehn Minuten. Danach, späterhin, wird sich noch die fünfte Tür öffnen, zur Ballsaalbühne führend. Wieder als Zuschauerquartett, lauscht man dort dem Schauspielerquartett. Lauscht Tschechows Mascha, Godards Pierrot, Faulkners Cash und Euripides Medea. Vereint sind die jetzt im chorischen Miteinander und in der Einsamkeit ihrer Rollen. Immer wieder flackert darin als Wehmutssumme Hank Williams „I'm So Lonesome I Could Cry“ auf. Bis es am Ende verglimmt, gemeinsam mit dem fahlen Bühnenlicht. Magisches Finale einer viel zu schnell verfliegenden Theaterstunde. Konzipiert von René Reinhardt, Lisa Schiller-Witzmann und Frank Heuel, der auch für die Regie verantwortlich zeichnet, geriet „Ein neunundzwanzigster Februar“ somit insgesamt zu einer Inszenierung, die für die Qualität zukünftiger Lindenfels-Produktionen eine Steilvorlage, ein Versprechen eben, darstellt. Man darf gespannt sein, ob und wie sich dieses erfüllt.

Steffen Georgi, Leipziger Volkszeitung, 02.03.2012

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