Geschichten, getürkt - eine Expedition

Eine Koproduktion von Theater Bonn und fringe ensemble

Ich komme aus der Türkei, aber ich bin hier geboren // ich war am Ende, ich hab gedacht, ich geh wieder zurück // ist alles so, wenn bei uns heiratet, wird alles nicht so einfach gemacht // mit dem türkischen Pass kann ich auch hier alles machen // mein Vater, der lebt in der Türkei // ein Türke braucht eine Frau, ein Pferd, eine Waffe // ich glaub, die glauben eher, dass ich ne Deutsche bin // 8500 Türken in Bonn // meine türkischen Freunde würden damit nicht klarkommen // mein Vater war ja ein Fremder für meine Mutter // guck mal, wir haben viele, viele Frauen ohne Kopftuch // ich träum eher auf deutsch // ich war immer deutsch, weil ich rede diese Sprache ja // also, ich trag mein Kopftuch // ihr seid selber schuld daran, sag ich, dass die Männer so zu euch sind // ich habe viele deutsche Kunden für Fleisch // türkische Männer, ja // wir haben ja auch kräftig geweint und gesungen // eigentlich wollten wir da leben.
Für GESCHICHTEN, GETÜRKT haben wir uns auf die Suche gemacht nach türkischen und türkischstämmigen Bonnern, die aus ihrem Leben erzählen wollen, von ihren Sehnsüchten und Sorgen sprechen, über Deutschland und die Türkei, über Ferne und Heimat. Aus diesen unterschiedlichen Begegnungen haben sich Text und Stück entwickelt. Eine Reise in eine Welt, die zwar hier in Bonn verortet, aber weder türkisch noch deutsch ist. EINE EXPEDITION.

Presse

... Die Kooperation des Bonner Theaters mit dem fringe ensemble war mehr als nur fruchtbar. Die ungewöhnliche Kulisse fordert und verwirrt den Zuschauer, da er nicht weiß, womit er als nächstes rechnen muss. Der Streifzug durch die Anlage des Frankenbades macht die Umsetzung der Geschichten noch realer, da man jeden Menschen in einer individuellen Situation antrifft. Teilweise sehr intim, beim Umziehen in der Kabine, oder einfach im Foyer, geschützt durch Schleier und Sonnenbrille. Das Faszinierende ist die Gradwanderung, die jeder Schauspieler vollbringt, indem er in den realen Charakter des jeweiligen Bonners schlüpft. Teilweise vergisst man als Zuschauer, dass die Schauspieler nur stellvertretend für eine reale Person sprechen; an anderen Stellen wird es wieder ins Gedächtnis gerufen, wenn ein Schauspieler aus seiner Rolle herausschlüpft und scheinbar einfach von einem Freund erzählt. Der umgangssprachliche Ton des Ganzen macht das Stück noch wirklicher. Der Einblick, den Regisseur Frank Heuel in seinem Stück gewährt, ist definitiv eine Expedition. Die Möglichkeit, Menschen nicht nur im Vorbeigehen zu sehen, sondern ebenso ihre Geschichte zu erfahren und sie in intimen Situationen zu erleben, vermittelt einen spannenden Einblick in eine andere Kultur. Die gängigen Themen, wie Bräuche und Religion, spielen natürlich auch eine Rolle. Doch das, was wirklich das Interesse des Zuschauers weckt, sind die Menschen.

www.kritische-ausgabe.de, 25. Juni 2008

Was ist türkisch, was ist getürkt?
Vorab-Produktion der Biennale Bonn von Theater Bonn und dem fringe ensemble
In der Männerumkleide liegt am Biennale-Vorabend ein Schaf mit abgetrennten Kopf daneben. Drumherum sitzen auf den Bänken männliche Zuschauer und weibliche, die sich mit angepapptem Schnurrbart als Männer ausgeben - wie auch Nicole Kersten, die als Toprak, Vater von fünf Kindern, über das Schächten aufklärt. "Ich dürfen", sagt Tobrak, was umstritten ist, zumindest die Tierschützer laufen dagegen Sturm. Schächten, da lässt Tobrak nichts drauf kommen, macht sauberes Fleisch. Trotzdem lassen wir uns nicht davon abbringen, dass es sich bei dem Schaf um eine Attrappe handelt. Man spielt Theater, wir spielen mit. Ob wir 99 sind, wie erlaubt, ist nicht auszumachen. In der Frauenumkleide sitzen vermutlich auch Männer mit Zöpfen. Vielleicht sind es am Ende weniger, weil in den Labyrinthen des Frankenbades leicht einer abhanden kommen kann. Lange vor dem türkischen Theater, das die Biennale samt Musik, Tanz, Literatur und Ausstellungen vom Bosporus herüberholt, um uns was von Istanbul zu erzählen, haben wir schon türkische und türkisch stämmige Nachbarn.
Es lag nahe, sich von ihnen aufklären zu lassen darüber, was sie vielleicht ihren Freunden in Istanbul über uns erzählen. Also wie sie hier leben in ihrer gar nicht kleinen Community von 8500 Türken in Bonn. Soll keiner glauben, dass er Bescheid wüsste und dass es ein geschlossenes Bild gäbe. Solche "Geschichten, getürkt" hat Frank Heuel mit Schauspielern von Theater Bonn und fringe ensemble ins Frankenbad gebracht. Auf Umwegen: Es wurden Interviews geführt, aus denen die Schauspielertexte stammen. Das schafft eine seltene Authentizität, keiner muss ein Blatt vor den Mund nehmen.
Irgendwie ist es getürkt und vielleicht deswegen wahr. Es werden erstaunliche Dinge offenbart, im leeren Schwimmbecken, oder - lauter Mehrfachbrechungen - über Mikros aus der gegenüberliegenden Halle, wo junge Frauen mit Kopftuch an der Scheibe stehen. Annika Ley hat für die Bühne gesorgt, Heuel hat die Akteure hineingestellt mit Frauenproblemen, Vaterproblemen, Ausweisproblemen, Jungfräulichkeitsproblemen.
Und was alles davon gar nicht im Koran steht. Ein großes Solo hat David Fischer; Maria Munkert ist 17, männlich, geht zur Handelsschule; Bettina Marugg ist modern und wieder nicht; Harald Redmer erzählt vom Job, einer arbeitet, die anderen grillen; Justine Hauer ist dabei. Es gibt viel Beifall.

Bonner Rundschau, 14. Juni 2008

Galerie