Geschichten+ Das Stück

Frank Heuel/Severin Hoensbroech

Eine Produktion von fringe ensemble und Schaubühne Lindenfels in Zusammenarbeit mit dem theaterimballsaal Bonn.

 

Regie: Frank Heuel
Dramaturgie/Co-Regie: Severin Hoensbroech
Raum: Eduardo Seru
Mit: David Fischer, Stefan H. Kraft, Georg Lennarz, Laila Nielsen, Bettina Marugg, Harald Redmer und vielen Gästen.

Premiere 29. April 2005 | im theaterimballsaal, Bonn

GESCHICHTEN+DAS STÜCK erzählt über Leben in Deutschland. Zugrunde liegt die Idee Menschen erzählen zu lassen. Ihnen bei ihrem Versuch, sich und die Welt zu verstehen, beizuwohnen. Wir bedanken uns bei allen, die uns bereitwillig ihre Geschichte(n) erzählt haben. Die beim Erzählen entstandenen Texte sind voll an Lebendigkeit und Dramatik und bilden die Grundlage für das Stück.

 

Preisträger THEATERZWANG 2006
In der Begründung der Jury heißt es: „Das fringe ensemble hat auf der Basis von dokumentarischem Interviewmaterial deutsche Biografien aus Ost und West für die Bühne theatralisiert und dafür eine sehr eigene und eigenwillige Konzeption entwickelt. Entstanden ist ein Abend der besonderen Art. Getragen von einem glänzenden Ensemble, der Wahl der ästhetischen Mittel und einer Raumlösung, die den Zuschauer auf Drehstühlen in die Position des Interviewers setzt, wird das Publikum zur Anteilnahme an den Lebensgeschichten verführt. Das Herausragende dieser Inszenierung lässt sich nicht auf eine einfache Kongruenz von Form und Inhalt reduzieren, sondern basiert auf der Arbeitsweise des Ensembles, das sich dem biographischen Material ernsthaft, feinsinnig und mit großer Wärme nähert. Leichtigkeit, Humor und Groteske verbinden sich mit Tiefe, Kraft und Seele.“

Presse

Auch “Geschichten+”, das mit demselben Interviewverfahren sechs Lebensläufe zwischen Deutschland Ost und Deutschland West verhandelt, bricht die Linearität der Lebenserzählungen durch den steten Wechsel zwischen chorischem und solistischem Sprechen. Kleine Ticks und Gesten verselbständigen sich zu einem kuriosen Subtext der Körper. Das Tragische schimmert in den Fugen zwischen den Biographie-Bruchstücken, umso eindringlicher, weil es nicht ausgestellt wird. Es ist dieser liebevolle Blick, der sich niemals schlauer wähnt als die Figuren und wir Zuschauer, mit dem das fringe die Aufmerksamkeit auf die Brüche in der eigenen Lebenserzählung zu lenken vermag.

Münstersche Zeitung, 4. Juni 2005

Gefangen im Dickicht des Lebensplans
Fringe-Ensemble zeigt preisgekrönte "Geschichten+" im Pumpenhaus
"Ich glaube, wir sind bald durch", eruiert Uwe mit dem selbstzufriedenen Blick eines Philisters, der seinen Unterrichtsstoff in Rekordzeit durchgepaukt hat. Seine riesige Kreidetafel ist mittlerweile vollgekritzelt. Mit skurrilen Diagrammen, Abkürzungen und Zahlen, mit denen Uwe zuvor nichts weniger als sein Leben zu strukturieren versuchte. Ein Lebensbericht im Schnelldurchlauf, raumgreifend reduziert auf jene "Lebenszeichen", deren Logik den wild wuchernden Assoziationen seines deutsch-polnischen Schicksals zu folgen scheinen. Man muss stinknormalen Menschen einfach zuhören und sie plaudern lassen. Dann verraten sie einem zwischen all dem assoziativen Wildwuchs ihr Leben. Das wusste nicht nur Ute Diehl, als sie ihre "Fussbroich"-Doku drehte. Auch das Fringe Ensemble ließ den kleinen Mann nach Herzenslust palavern. Genauer: den kleinen Mann zwischen Deutschland-Ost und Deutschland-West. Heraus kamen die mittlerweile preisgekrönten "Geschichten+". Geschichten über Deutschland, wie es hofft und bangt. "Das Plus", weil das Bonner Ensemble diese freimütigen Lebensbeichten auf der Pumpenhausbühne zwar wortwörtlich wiedergibt, diese aber in seine charakteristische Bühnensprache übersetzt. Mit jenen ins Groteske gesteigerten Verfremdungen und Doppelungen, die zu viel Authentizität auf der Bühne erträglich machen und die Konzentration aufs Wesentliche lenken. Und die aus einem kühl kalkulierenden Lebensplaner wie Uwe einen Gefangenen im Dickicht aus chaotischem Pfeildiagramm und streng umzirkelten Wohnungs-Grundriss macht. Dorthin zieht sich Uwe alias Georg Lennarz zurück, wenn er mal gerade keine Spuren auf der Tafel hinterlässt. Seine "Schüler", die Besucher, folgen ihm und all den anderen Plaudertaschen auf Drehstühlen, wechseln also auch im wahrsten Sinne immer wieder die Perspektive, wenden ihre Blicke auf jene riesige Leinwand, auf der Uwe plötzlich in Vogelperspektive von einer Anekdote in die nächste Banalität zappt. Bis später Bettina Marugg und Laila Nielsen in der raffinierten Projektionskiste von Bühnenbildner Eduardo Seru die doppelte Else geben, die sich naiv ihr Leipziger Allerlei erklärt und dabei ausschaut wie eine geklonte Marionette. Zwischendurch schieben sich immer wieder David Fischer und Laila Nielsen als altes Ehepärchen ins Bild. Das bestärkt sich in seinen Erinnerungen stets mit einem synchronem "Ne". Dennoch: Regisseur Frank Heuel macht sich nicht lustig. Stets bewahren seine Figuren ihre Würde. Tragisches schimmert durch diese sehr eindringlich und konzentriert dargebotenen biografischen Bruchstücke. Ohne die subtil choreografierten Doppelungen, ohne den wohl dosierten Slapstick, das chorische Durcheinander, ohne die kuriosen Subtexte der Körper wäre das gut zweistündige Geschwätz auch wohl kaum zu ertragen. Nur Hardcore-Fans schaffen schließlich vier Folgen "Fussbroichs" nonstop ...

Westfälische Nachrichten 24. Januar 2007

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