Grenzgänger

Frank Heuel/Harald Redmer

Eine Koproduktion von fringe ensemble und phoenix5 in Zusammenarbeit mit dem theaterimballsaal Bonn, dem Theater im Pumpenhaus Münster und der Schaubühne Lindenfels Leipzig

 

Mit: David Fischer, Stefan Kraft, Judith Lodewijks, Bettina Marugg, Laila Nielsen
Regie: Frank Heuel
Dramaturgie: Harald Redmer
Bühne und Kostüme: Lisa Witzmann

Premiere: 10.September 2004,theaterimballsaal, Bonn

Grenzgänger ist ein Stück über Migranten in Deutschland. Es basiert auf Interviews, die sie uns gegeben haben. Es wird gespielt von deutschen und ausländischen Schauspielern. Allen Interviewten ist gemein, dass sie kulturelle Migranten sind, die aus freiem Willen hier sind. Die hier sind, um ihr "Glück" zu machen.

Ich hab mein Lebensumfeld hier, hab mit andern Jugos nichts zu tun und habe auch vor hier zu bleiben. Oder vielleicht will ich mal nach Honolulu oder Bora Bora. (Drago, Kraote)

..., hier muß man immer stark sein, sonst kannst du hier nicht überleben. Gerade wenn du aus dem Ausland kommst, dann musst du stark sein. Man muß stark sein, deshalb denke ich an Pferde. (Rosanna, Togolesierin)

Mein Bekannter kam und sagte: "Siehst du, nun bist du in Deutschland, mach dir keine Sorgen. Vergiss alles, alles, alles." (Jessica, Litauerin)

In einem sehr fundamentalen Sinne sind sich Kulturen nicht wirklich fremd, sondern durch eine lange Geschichte machtvoller Beziehungen aneinander gebunden. Hinter dem längst überholten Begriff der kollektiven Identitäten, zeichnet sich eine andere, chaotisch erscheinende Wirklichkeit ab, die Wirklichkeit der kulturell nicht Sesshaften, der Entwurzelten, der Grenzgänger. Die Inszenierung setzt auf die Interviewten und auf unseren Blick auf die Fremden. Sie sucht die Klischees und findet sie - lustvoll, fremd, abstoßend und exotisch. Voller Kraft und Leben.

Presse

...Ganz anders das Migrantenquartett in Grenzgänger. Das "fringe ensemble" aus Münster und "phoenix5" aus Bonn nutzen hier die Bühne als hochartifizielle Geschichtenbude. Die Spieler hocken in einem schönen Kasten mit neun Kabinen. Jalousien vorn und hinten, wirkt das Ganze wie eine Schleuse, durch die Menschen mit fremden Wurzeln ins Deutschland treten. Keine Asylbewerber in diesem Fall, sondern meist durch Familienbande Mitgeschleifte, die ein deutsches Zuhause haben, aber keinen festen Heimatbegriff. Miteinander und übereinander, chorisch und solistisch, reden die Stellvertreterspieler von litauischen, kroatischen, türkischen oder italienischen Erfahrungen und Biographien.

Pop der sozialistischen Weltrepublik
Eingedeutscht und ausgegrenzt, umarmen, umklammern und bekämpfen sich die Brüder und Schwestern, erleben Glücksgefühle und Depressionsschübe. Ihre einfache, doch wirksame Bühnenmaschine erzeugt schöne poetische Bilder; es regnet, Wüstensand rieselt, die Gruppe wirft sich ins Heu. Das Theater ist hier ganz bei sich, es ist auch politisch, aber ohne Zugriff auf die Politik. ...

FRANKFURTER RUNDSCHAU , 17.11.05

Politisch kann man eben auch sein, wenn man nur nah genug rankommt an das Leben. Im besten Sinn bewies das die Theatergruppe "fringe ensemble-phoenix5" mit ihrer Produktion "Grenzgänger. Ein Stück über das Glück in Deutschland" (Regie: Frank Heuel) in den Sophiensaelen. Hier zeigten fünf Schauspieler in gesplitteten Rollen eine humorvoll-makabre Collage aus sechs Migrantenschicksalen. Die Sprechtexte beruhen auf realen Interviews. Nett und naiv erzählen diese Frauen und Männern aus Litauen, Ex-Jugoslawien, Togo, Italien, Rumänien und aus der Türkei abgeschauten Figuren von ihrem zweiten Leben in Deutschland. Ihre Sehnsucht schwankt zwischen dem, was sie zu Hause aufgegeben haben, und dem noch Unerreichten. Als bedauernswerte Verlierer wollen sie natürlich nicht dastehen. In ihren Lebenswegen ergibt das Kuddelmuddel aus Zweckheirat, krummen Geschäften, Aufenthaltsgenehmigungen und Kriminalität nämlich einen Sinn: den unermüdlichen Aufstieg in ein besseres Leben. Als einmal kurz von Depressionen die Rede ist, muss das Wetter dran schuld sein und es fängt plötzlich aus der Bühnendekoration heraus an zu regnen.

TAZ , 17.11.05

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