100 Jahre Einsamkeit

nach Gabriel García Márquez

Eine Produktion von fringe ensemble mit phoenix5 in Koproduktion mit dem Forum Freies Theater (Düsseldorf), dem Theater im Pumpenhaus (Münster) und dem theaterimballsaal (Bonn) im Rahmen des Kooperationsprojekts "Geschichten für das neue Jahrhundert".

 

Regie: Frank Heuel
Bühne: Eduardo Seru
Kostüme: Ruth Schultz
Mit: David Fischer, Georg Lennarz, Bettina Marugg, Laila Nielsen, Harald Redmer

Gabriel García Márquez sagte, er wolle "nur ein poetisches Zeugnis seiner Kindheit abgeben" - das Ergebnis ist der Roman "Hundert Jahre Einsamkeit", eine Geschichte über die Familie Buendía, die die Grenzen des Vorstellbaren in unserem von Rationalität bestimmtem Leben sprengt.
"Die Buendías sind eine halb wahnsinnige, unbändige Meute von kolossalen Macho-Helden und hysterischen oder frömmlerischen Frauen, die einer atavistischen Kraft gehorchend, ihren Söhnen die sich ständig wiederholenden Namen Aureliano oder Arcadio geben. Wie vom Teufel besessen wirbeln sie durch Schwindel erregende Abenteuer und sexuelle Ausschweifungen." Nur eine Figur bildet das Zentrum des Ganzen: Ursula Inguaran, die "den Namen Buendía in die Welt streut, wie Samen in den Wind."
Schon diese Beschreibung José Miguel Oviedos lässt ahnen, dass es bei einer Umsetzung des prallen Romans für die Bühne nicht um Verknappungen gehen kann. Das fringe ensemble hat sich in das Abenteuer dieses 500-Seiten Romans gestürzt, um einen Theaterabend der "besonderen Art" zu kreieren: Das Publikum erwartet eine intensive Reise in das intuitiv-gefühlsbetonte Leben der Buendías, in eine Welt, die mit teilweise absurd-komischen bis verstörenden Bildern gefangen nimmt. Lassen Sie sich ein auf ein Theatererlebnis ungewöhnlichen Formats - auf ein Epos!
In der Reihe Geschichten für das neue Jahrhundert weckt "Hundert Jahre Einsamkeit" die Erinnerung daran, dass es mehr als nur eine Welt gibt, in der wir leben können.

Presse

Frank Heuel hat nun mit dem Bonner fringe ensemble die alles überwuchernde Sprache des Nobelpreisträgers auf Eduardo Serus Bühne gebracht - auf die einzige, die genügend Platz bietet für diesen Sprachdschungel: die leere. Einzig ein graues Rechteck gibt im Juta des Forum Freies Theater, wo die Inszenierung im Rahmen des Koproduktionsprojektes "Geschichten für das neue Jahrhundert" zurzeit gastiert, den Erzählungen Untergrund. Mehr als vier Stunden währt die fringe-Strichfassung des 500 Seiten starken Epos. Die Erzählungen fließen rastlos von den Lippen der Schauspieler: bunt, wild verschlungen, dunkelgrün und duftend rot. Geschichten von Geburt und Tod, von Liebe, Inzest und Prostitution. Unzähmbare Legenden. Unaufhaltsam folgen die Generationen aufeinander, Urgroßväter, Väter, Söhne, Enkel, die alle dieselben Namen tragen: Arcadio und Aureliano. In wunderbarer Präzision schmiegt sich monologischer Vortrag an chorische Passagen, minimale Gesangseinlagen und rhythmisiertes Sprechen der Schauspieler: Georg Lennarz, Bettina Marugg, Laila Nielsen, David Fischer, Harald Redmer. Kleine stille Installationen senken sich mehr in den Text als in den Raum: milchglasige Röhren, transparente Buchseiten. Kleine Projektionsflächen in blau und grün, setzen dezente Akzente oder Zäsuren, lassen wie die zurückhaltenden Gesten Platz für die Erzählung. Nur sehr selten häufen sich Sinneseindrücke, legen sich Stimmen übereinander. Meist blickten die lauschenden Zuhörer frei auf die wuchernde Sprache, auf zwischen blutroten Blüten ruhende Mulattinnen, Greise in Schaukelstühlen, wahnsinnige Männer an großen Bäumen vor ihren Häusern, gefesselt - vor Jahren schon - von ihren Frauen. Ironische Einschübe, auch Clowneskes mischte sich immer wieder in den Duft warmen Regens, zwischen tiefes Urwaldgrün, Marienfiguren, Perlenschmuck und kreischende Kampfhähne. Ein großartiger Schauspielerabend. Überbordender Márquez-Genuss.

WZ, 02.11.2006

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