Kirschgarten.2006
Kirsu Darzs.2006

eine deutsch-lettische Annäherung

nach Anton Cechov

Eine Gemeinschaftsproduktion von fringe ensemble/phoenix5 und dem Valmieras Dramas teatris (Lettland) in Koproduktion mit der Veranstaltergemeinschaft Theater im Pumpenhaus, Münster // Forum Freies Theater, Düsseldorf // theaterimballsaal, Bonn im Rahmen von scene:estland lettland litauen in nrw.

 

Regie: Frank Heuel
Dramaturgie: Evita Sniedze
Raum und Kostüme: Lisa Witzmann
Mit: David Fischer, Justine Hauer, Januss Johansons, Girts Ravinš, Harald Redmer, Christine Stienemeier, Imants Strads, Elina Vane

PREMIERE am 03. Mai, Theater im Ballsaal, Bonn
am 28. Mai, Valmieras Drama teatris, Valmiera

Der KIRSCHGARTEN – die Geschichte einer vergehenden Epoche, einer heranbrechenden neuen Zeit. Etwas wird zurückgelassen, irgendwohin wird aufgebrochen. Der KIRSCHGARTEN endet mit dem zurückbleibenden und sich zum Sterben hinlegenden Alten und damit gleichsam mit dem Ausatmen einer vergehenden Zeit und Epoche. Ein internationales Ensemble – eine Begegnung zwischen Deutschen und Letten. Der Versuch einer Annäherung – ein Scheitern, ein Glücken. Das Ganze als ein Ritual des Erinnerns, der Versuch sich seiner selbst im Moment der Annäherung an den Anderen zu vergewissern.
Cechov selbst spricht von einer Komödie, die Inszenierung setzt auf das Absurde der Vorlage, findet im Text das Verspielte, Verdrehte und kommt damit dem Autor sehr nahe.

Die Produktionsgemeinschaft fringe ensemble/phoenix5 realisiert nach Fiction Impossible (2005) seine zweite deutsch-lettische Kooperation. Dieses Mal ist der Partner das Valmieras Dramas teatris, 120 km nordöstlich der Metropole Riga im Landesinneren Lettlands. Zwei Länder, zwei unterschiedliche Theaterstrukturen realisieren ein gemeinsames Projekt.

Presse

In Frank Heuels Inszenierung “Der Kirschgarten.2006″, die im Ballsaal Premiere hatte, gibt es – wie bei diesem Regisseur üblich – keine festen Rollenzuordnungen. In dieser “deutsch-lettischen Annäherung” wird die historische und dramatische Verschiebung von Identitäten auf den Prüfstand gestellt. Vier Schauspieler vom Bonner fringe ensemble und seinem Münsteraner Partner phoenix5 untersuchen zusammen mit vier Ensemblemitgliedern des renommierten Stadttheaters Valmiera den Zusammenprall zweier Welten im modernen Europa. Aus den kulturellen Reibungsflächen bezieht die zweisprachige Produktion ihren Reiz. ... Dieser “Kirschgarten” ist ein Glanzlicht des Landesprojekts “scene: estland lettland litauen in nrw”.

Generalanzeiger, Bonn 05. Mai 2006

Vier deutsche und vier lettische SchauspielerInnen kommen zum Einsatz in dieser bewusst ins Grotesk-Komische verzerrten Inszenierung, die den angestaubten Klassiker mit Wucht in die moderne Welt des Regietheaters katapultiert. Übertitel begleiten das zweisprachige Bühnenspiel, auch wenn mitunter simultan übersetzt wird oder die Sprachen sich vollends mischen. Feste Rollen gibt es nicht: Passagenweise tragen die Akteure den Text aller Figuren vor, nur der Zusammenhang verrät, wer gerade spricht. Die Zweisprachigkeit ist für die Schauspieler eine riesige Herausforderung, die sie mit Bravour meistern: Stimmig und als Bild sehr beeindruckend wirkt es, wenn der Text die idyllische Vergangenheit auf dem Gut beschwört, während Intonation und Bewegungen die Szene in ein Gebet verwandeln. Ein Abend also, der regietechnisch originell und schauspielerisch ausgezeichnet daher kommt – und der trotz all seiner Sinnlichkeit eher den Intellekt anspricht. Denn ein Sich-hinein-Versetzen ist kaum möglich, wo es keine festen Figuren gibt. Aber vielleicht soll der Zuschauer ja auch eher denken als fühlen. Immerhin geht es um Geld und nicht um Blüten.

taz NRW vom 10.5.2006

Tschechows Kern
Ein großartiger deutsch-lettischer “Kirschgarten” auf Tour
Im dunklen Gewand begrüßt der Schauspieler David Fischer die Zuschauer. Er erklärt, welchen Kunstgriff sich die Theatermacher ausgedacht haben. Die Darsteller haben nicht die Rollen von Tschechows Kirschgarten untereinander verteilt, sondern den puren Text, egal, wer gerade spricht. Der Gedanke ist kaum gesackt, da ist Fischer schon mittendrin im Stück, spricht die Gutsbesitzerin Ranjewskaja und den Kaufmann Lopachin, die Jungen und die Alten, die Gäste und den Diener. Im präzis pointierten Plaudern entsteht das dichte Bild einer Gesellschaft, die ihre Angst und Lebensunfähigkeit wegplappern will. Gerade durch den Verzicht auf psychologisch nachvollziehbares Personal dringt die Inszenierung zum Kern Tschechows vor. David Fischer beginnt, im Kreis zu laufen, die Stimmung erhitzt sich, schließlich schießt aus den Ärmeln seines Mantels Konfetti, das wie Kirschblüten aussieht. Oder auch wie Sägespäne, die aus einer kaputten Puppe rieseln.
Nach diesem großartigen Solo, mit dem Frank Heuels Inszenierung des Kirschgartens beginnt, müsste die Spannung eigentlich abfallen. Doch das geschieht nicht. Acht Schauspieler – die Hälfte vom Bonner fringe ensemble, die andere Hälfte vom Stadttheater im lettischen Valmiera – sprechen die Tragikomödie weiter, konzentriert, ganz bei sich und jederzeit auch im Kontakt zu den anderen. Die Bühne von Lisa Witzmann ist bis auf acht Stühle fast leer. Samoware stehen im Hintergrund und hängen in der Luft, sie sind die einzige optische Erinnerung ans alte Russland. Es geht um die Gegenwart. Ein lettischer Schauspieler geht auf das Publikum zu. Er hat eine Konfetti-Kirschblüte in der Hand. “Kirschgarten so klein”, sagt er, “und Russland…” Nur ganz kurz verharrt er. In diesem Augenblick steckt ein ganzes Lebensgefühl.
Der lettisch-deutsche Kirschgarten ist Teil des Festivals “scene: estland lettland litauen in nrw”, das auf mehrere Städte zersplittert ist und wenig mediale Beachtung findet. Die Zusammenarbeit des fringe ensembles mit lettischen Schauspielern, die bisher fast ausschließlich Sprechtheater in der Stanislawski-Tradition gewohnt waren, ist ein Beweis, was für Potenzial in solchen Projekten stecken kann. Tschechows Text klingt wie ein großes Gedicht, durch die Zweisprachigkeit entsteht eine ganz eigene Musikalität. Die Konflikte treten deutlich hervor in einer leichten, spielerischen aber niemals sinnlos verspielten Ästhetik. Im kleinen Raum schafft Regisseur Frank Heuel immer wieder überwältigende Bilder, die Samoware dampfen, das Ensemble tanzt, der Mond geht auf. Und alle leben weiter.

Stefan Keim, Frankfurter Rundschau 11. Mai 2006

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