Lothar Kittstein

Letzte Tage

Eine Produktion des fringe ensemble in Kooperation mit dem Theater im Ballsaal

 

Regie: Frank Heuel
Bühne: Eduardo Serú
Mit: Bettina Marugg, Laila Nielsen

Uraufführung: Mi 21. März 2007 // 20.00 Uhr theaterimballsaal, Bonn

„Normalerweise wäre ich aufgestanden, hätte mich fertig gemacht und wäre zur Arbeit gegangen.”

Mit diesen Worten, die den Zuschauer in der Sicherheit eines normalen Alltags wiegen, beginnt das Stück von Lothar Kittstein. Doch diese Sicherheit währt nicht lange. Denn die Vorgänge und Geschehnisse, die die beiden Frauen schildern, bekommen ein seltsames Eigenleben. Und während der Betrachter versucht, die Geschehnisse in einen logischen Zusammenhang zu bringen, gierig auf das ein oder andere Indiz wartet, führen die Fäden der Geschichte mal auf klarere Fährten und mal in undurchdringliche Tiefen. Was verbindet diese beiden Frauen? Was ist an jenem Tag vorgefallen, der mit diesem „normalerweise“ anfing? Wie kommen die vielen Schnecken auf die Einfahrt? Und wer hat den glühenden Zigarettenstummel vor dem Gittertor fallen gelassen? Mit LETZTE TAGE erwartet den Zuschauer ein Stück über verborgene Sehnsüchte und Ängste, über die Wahrheit und das, was hinter der Wahrheit liegt. Lothar Kittstein spielt mit den Realitäten und entwickelt ein spannendes Szenario der Möglichkeiten.

Presse

Zwei Frauen erzählen in dem Stück ihre Versionen eines denkwürdigen Vormittages, an dem beide sich begegnet sind. Meilenweit von einander entfernt scheinen beide zu Beginn. Doch auf rätselhafte Weise miteinander verbunden. Die ältere Frau (Bettina Marugg) ist dunkelhaarig, schön, lebt in einer Traumvilla am Waldrand hoch über der Stadt. Perfektionistisch sind ihre Tage durchgeplant. Sie ist dauerbeschäftigt, treibende Kraft und bewundertes Gesicht einer Fernseh-Show, hat alles unter Kontrolle. Scheinbar. Die jüngere (Laila Nielsen) ist blond, niedlich, und steht mit zerknitterter Jacke vor dem Tor des Villen-Anwesens, nervös, voller Ehrfurcht. Etwas Rätselhaftes zieht sie auf das Grundstück. Wechselseitig erzählen beide ihre Versionen. Radikal subjektiv. Und nicht nur einmal. Das Erzählte durchläuft Wiederholungsschlaufen. In sechs leicht abweichenden Umlaufbahnen umkreisen beide Frauen die Szene. Überwiegend monologisch, teils in kurzen, zunächst verwirrenden Dialogen. Jedes Mal tauchen andere Details auf, die das zuvor Erzählte in einem anderen Licht erscheinen lassen. Die Beziehung der scheinbar fremden, so entgegen gesetzten Frauen verfeinert sich. Allmählich weicht die Verzeichnung der Bilder, lüften sich die Schleier um diese geheimnisvolle Geschichte, die sich am Ende als Wiederbegegnung von Mutter und Tochter entpuppt. Vor allem, wie die Geschichte erzählt wurde, machte die Aufführung zum Erlebnis. Absurden Witz entfaltete der sprachschöne Text gerade, wenn die abwechselnden Monologe ineinander geschachtelt und wie ein Gespräch parallel geführt wurden. Wie ein Detektiv verfolgte der Zuschauer die Entwicklungen, konnte Vermutungen anstellen und mitverfolgen, ob er in die Irre geführt wurde. Eindrucksvoll hauchten Marugg und Nielsen ihren Figuren Leben ein. Bravourös inszeniert von Frank Heuel, der die einzelnen Szenen – allzu passend – mit Sätzen aus Bachs Goldberg-Variationen voneinander abgrenzte. Die Zuschauer spendeten dieser Darbietung lang anhaltenden Applaus.

Westfälische Nachrichten 06.11.07

Frank Heuels Inszenierung hat das Zeug zu einem Krimi. Wie bei einem Puzzle, bei dem man jedes Teil mehrmals in die Hand nimmt, um herauszufinden, wo es hingehört, werden hier die Szenen immer wieder von einer anderen Seite beleuchtet. Doch als nach einer knappen Stunde das Stück zu Ende ist, hat sich nichts geklärt. Das müsste man dem Autor eigentlich übel nehmen, würde man nicht durch das wunderbar differenzierte Spiel von Marugg und Nielsen entschädigt. Ihnen gelingt es, das Rätsel wichtiger werden zulassen als die Lösung.

Münstersche Zeitung, 05.11.2007

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