WIRKLICHKEITSTEST

Eine Performance-Reihe für Bonn
Koproduktion von THEATER BONN und fringe ensemble

Künstlerische Leitung: Frank Heuel, Jens Kerbel
Ausstattung: Annika Ley
Musik: Gregor Schwellenbach, Mathias Höhn, Martin Erdmann
Dramaturgie: Christopher Hanf

Mit: Bonner Bürgern und Philine Bührer, Justine Hauer, Bettina Marugg, Maria Munkert, Laila Nielsen, Tatjana Pasztor, David Fischer, Severin von Hoensbroech, Manuel Klein, Nico Link, Andreas Meidinger, Harald Redmer, Bernd Braun und vielen anderen

Auf der Suche nach der Wirklichkeit verlassen wir für unsere Performance-Reihe die Theaterhäuser und Kunsträume und begeben uns mitten hinein in die soziale Realität vor Ort. Wir wollen erkunden, was passiert, wenn Poesie auf Wirklichkeit trifft. Stellen Sie sich vor: Ihr Taxifahrer singt plötzlich eine Opernarie und erzählt erstaunliche Geschichten aus seinem Leben. An der Kasse im Supermarkt beginnt der Scanner unvermittelt über das Phänomen Zeit zu philosophieren. Im Stadthaus erklingt in allen Ecken Homers Odyssee. Der Rhein beginnt zu singen. Mitten auf dem Münsterplatz gründen Menschen, die sich vorher noch nicht kannten, eine Wohngemeinschaft. In einem Schaufenster findet eine Sicherheitskonferenz statt. Aus dem Megaphon eines Wahlkampfautos dröhnen Gedichte von Heinrich Heine. Und ein afghanischer Junge stutzt einem deutschen Topmanager auf dem Marktplatz von Bad Godesberg den Bart.

Eine Woche lang wird der öffentliche Raum der Stadt Bonn zum Manövergebiet für unsere spielerischen Eingreiftruppen. Auf der Schnittstelle zwischen Inszenierung und Realität werden Aktionen stattfinden, die für Irritationen im Alltag sorgen. Unvermittelt werden Passanten auf offener Straße zu Beobachtern und sogar zu Mitwirkenden eines Theatergeschehens. Es geht darum, das Fremde im Vertrauten aufzuspüren. Die Stadtgeschichte mit der Gegenwart ins Spiel zu bringen. Für Unterbrechungen in der Routine zu sorgen. Das Unwahrscheinliche geschehen zu lassen.

 

Ein Gespräch mit Frank Heuel und Jens Kerbel / WDR3 Podcast

 

Presse

Kaffee in der Badewanne

Normalerweise geht es etwa so: rein ins Parkhaus, Rolltreppe aufwärts, Abteilung ansteuern, Ware greifen, bezahlen und zurück. Zum Bummeln ist wieder keine Zeit, ein anderes Mal vielleicht. Soweit zur realen und alltäglichen Erfahrung eines Kaufhausbesuches. Der "Wirklichkeitstest" jedoch, die einwöchige Performance-Reihe unter künstlerischer Leitung der Regisseure Jens Kerbel (Theater Bonn) und Frank Heuel (Fringe Ensemble), stellt an einem sonst doch recht gewöhnlichen Mittwochabend alles auf den Kopf. So als hätte David Lynch, der Meister surreal-absurder Szenerien, just die Bonner Galeria Kaufhof zum Set seines neuen Projekts erkoren.
Wo sich im Keller an einer festlich gedeckten Tafel mit lauter leeren Stühlen Casanova an seine Liebschaften erinnert, wo zwei Unbekannte mit schwarzen Sonnenbrillen im Erdgeschoss Ausschau nach Godot halten und ein Feuerwehrmann zwischen den Etagen hin und herfährt, um aus Rolf Dieter Brinkmanns "Rolltreppen im August" zu reklamieren. "Bedenke, dass die Zeit Geld ist" heißt die Aktion. Die - subversiv, wie sie ist - natürlich auf genau das Gegenteil zielt. Und tatsächlich, manche Kunden lassen den Einkauf kurzerhand Einkauf sein, um den Schauspielern wie David Fischer und Manuel Klein, Bettina Marugg, Justine Hauer, Philine Bührer, Laila Nielsen, Andreas Meidinger, Harald Redmer und anderen kreuz und quer durchs Haus zu folgen.
Studenten mit orangefarbenen T-Shirts weisen den Weg zur nächsten Aktion, die natürlich niemand verpassen möchte: seien es Schlingensiefs Memoiren im Bett, eine Szene aus Jim Jarmuschs Film "Coffee and Cigarettes" in einer von Jens Kerbel eigens mit frischem Schaum aufgefülltem Badewanne und Nachrichten aus der "Zeit von morgen" in der Leseecke im 4. Obergeschoss. Womit nach rund zwei Stunden der Beweis erbracht wäre, dass sich die mitunter recht profane Wirklichkeit gut und gern unterbrechen lässt. Jedenfalls ist das offenbar in Bonn so.

Ulrike Strauch, Bonner Generalanzeiger, 1.7.2011

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