ZWEI WELTEN

Ein Doku-Stück von Ingrid Müller-Münch

Spielfassung: Frank Heuel
Eingeladen zum Theatertreffen NRW 2010

Inszenierung: Frank Heuel
Bühne: Annika Ley
Kostüme: Sigrid Trebing
Dramaturgie: Nora Giese

Mit: Philine Bührer, Bettina Marugg, Tatjana Pasztor, Simin Soraja, Ismael Deniz, Konstantin Lindhorst, Rolf Mautz, Stefan Preiss und acht Kindern
Beatboxer: Malik Kpekpassi und Tim Wennemann

Premiere am 30.10.2009 am Theater Bonn, Kammerspiele

Eine Stadt verändert sich: Als Bonn noch Bundeshauptstadt war, war Bad Godesberg der Diplomaten- und Beamten-Stadtteil, ein ruhiger, wohlhabender Kurort am südlichen Rand des republikanischen Machtzentrums. Eine sorgfältig gepflegte Oase zwischen dörflicher Idylle und internationalem Flair, mit teuren Geschäften, edlen Restaurants und renommierten Privatschulen. Der Regierungsumzug brachte der Stadt einen Neubeginn – was bedeutet das für Bad Godesberg? Es siedelten sich verstärkt Bürger mit Migrationshintergrund an, die hier arbeiten und bleiben wollen. Das Stadtbild hat sich verändert. Wo früher schicke Boutiquen zu finden waren, öffnen nun Billigshops, Fastfood-, Döner- und Internetläden ihre Pforten. Im Sommer sitzen in der Abenddämmerung tief verschleierte Frauen auf den Bänken des Theaterplatzes. Im Kurpark kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Jugendgangs und Schülern eines Elite-Gymnasiums.
Eine wohl einzigartige Situation in Deutschland: Denn Bad Godesberg ist eben kein gewachsener „Problemstadtteil“. Wo bodenständiges Kleinbürgertum, liberalkonservatives Bildungsbürgertum und die Welt der Politik, der Diplomatie und der Lobbyisten sich trafen, prallen jetzt buchstäblich zwei Welten aufeinander. Das THEATER BONN hat die Kölner Journalistin und Autorin Ingrid Müller-Münch beauftragt, in Bad Godesberg zu recherchieren, mit Bewohnern zu sprechen, und besonders mit den Jugendlichen. Entstanden ist aus ihren Interviews ein Theatertext über die Probleme und Chancen, aus zwei Welten einen Stadtteil zu formen.

Presse

Jugendliche Migranten verprügeln deutsche Eliteschüler, und das beschauliche Bad Godesberg erlebt explosionsartig "Zwei Welten", die nun auch in einem Theaterstück aufeinanderstoßen. Die Aufführung in den Bonner Kammerspielen in Bad Godesberg leistet, was sich Theater oft vornimmt und selten einlöst: Der Zuschauer kommt anders heraus, als er hineingegangen ist. Und sei es, dass er nur genauer auf das Umfeld blickt, das hier Thema wird...... .... Biographien, Begebenheiten, kleine Geschichten werden angerissen. Alte spielen Junge, Männer auch Frauen - und umgekehrt. Jeder steht für sich, jeder kommt zu seinem Recht. Unterschiede werden aufgezeigt, keine Lösungen. Was daraus folgt, ist eine Frage, die das Publikum beantworten muss. Aneinandergefügt ergeben die Szenen keine Diagnose und schärfen doch die Aufmerksamkeit für eine explosive Gemengelage aus Vorurteilen, Feigheit, Gewaltbereitschaft, Sozialneid, Ausgrenzung, Ratlosigkeiten, Unverständnis. Die Bühne als Brennglas. Das Theater rückt in die Mitte der Stadt.

Andreas Rossmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2009

.... Dazu hat Journalistin Ingrid Müller-Münch 60 Menschen interviewt - Schüler, Lehrer, Priester, Fußballtrainer, Sozialarbeiter. Es sind ernüchternde Protokolle geworden, die Regisseur Frank Heuel in präzisen, intensiven Szenen auf die Bühne bringt. Sein Kniff: Er lässt die Äußerungen von Schauspielern sprechen, mal im Chor, mal in der Bewegung - das hat manchmal den Rhythmus einer antiken Tragödie. Nur einmal, als der ganz und gar großartige Rolf Mautz in herrlichen Bönnsch einen Geschäftsmann zu Wort kommen lässt, gibt es Minuten der Entspannung. Ansonsten sind das zweieinhalb Stunden wichtiges Doku-Theater, weil es nie belehrt und jede Form von Sozialkitsch weiträumig umfährt. Der Beifall war stark und intensiv - wie der ganze Abend.

Express, 02.11.2010

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